Berliner Frauenporträts
   Berliner Frauenporträts

„Der mitleidlose Geist, der rückwärts schaut
Auf jene ferne Zeit, die mir verstrichen,
Stürmt auf mein Herz von einer Seite ein;
Und heiße Sehnsucht nach dem Land so traut,

Das nun mich lockt und dem ich einst entwichen,

Dräut auf der andern mit der Liebe Pein.(…)“

 

(Aus: Dante Alighieri, La dispietata mente, che pur mia)

Ein Leben für Zeichnungen und Druckgraphik aus Italien, Spanien und Frankreich vor 1800

Berliner Galerien und Museen sind Magneten für Touristen und Einheimische, Orte, an denen es Kunst zu betrachten gibt und andere Exponate. Für alle Interessen findet sich etwas. In großen Städten wie Berlin sind es viele Menschen gewöhnt, Interessantes gezeigt zu bekommen. Welche der großen Ausstellungsorte Besucher auch immer betreten, gewohnt sind sie gut gemachte und ausführlich dokumentierte Ausstellungen. Alles, was man vorfindet, ist von vielen unauffällig im Hintergrund tätigen Menschen organisiert, gestaltet und zusammengetragen. Kataloge werden erstellt, Erklärungen werden in kleinen Flyern gedruckt. Informationen finden sich für jeden Geschmack und Geldbeutel.

Einer von diesen Menschen, die ihre Fähigkeiten und Interessen in den Dienst eines Museums stellen, ist Dr. Dagmar Korbacher. Sie arbeitet als Kuratorin im Kupferstichkabinett der Gemäldegalerie.

Am Matthäikirchplatz unweit der Neuen Nationalgalerie und der Philharmonie befindet sie sich. Dieses Museum für ältere Kunst zieht mittlerweile viele Besucher an. Bei meinem letzten Besuch stand mittags eine lange Menschenschlange an der Kasse. Viele von ihnen schauen sich die große Ausstellung alter Gemälde an. Eine kleine Anzahl bewegt sich zu den Ausstellungsräumen des Kupferstichkabinetts. Das ganze Haus bietet vieles. Jeder Besucher kann stundenlang durch die Räume gehen und Bilder betrachten. Viele nehmen sich nur einen Teil der Ausstellung vor, andere erfreuen sich an der Kunst im Sauseschritt. Jene, die den Weg zu den Zeichnungen finden sind Menschen, die dem Künstler und der Kunst näher sein möchten. Zeichnungen erfordern eine Annäherung, will man genau erfahren, was auf dem Papier zu sehen und zu finden ist.

 

Dagmar Korbacher ist als Kuratorin zuständig für die Sammlung der "Paradiese" auf Papier. Zu ihr gelangt man, wenn man vorbeikommt an der laufenden Ausstellung der Papierarbeiten. Ein langer Gang führt zu ihrem ziemlich weit am Ende liegenden Arbeitszimmer. Der Raum ist nicht nur ein einfaches Gehäuse, Kataloge und andere Bücher verraten die hier geleistete Arbeit. Dagmar Korbacher entwickelt Ausstellungen, organisiert den Leih- und Ausleihverkehr, sie schreibt Texte für Kataloge und telefoniert gelegentlich quer durch Europa um Fragen zu stellen, zu beantworten oder Probleme zu klären. Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Kunst scheint ihr Leben zu bestimmen, der Dialog mit den Bildern und auch mit den Kollegen, wenn es um das Klären von Fachfragen geht.

Für den Außenstehenden ist ein Besuch in den Räumen der Mitarbeiter, im Aufbewahrungsraum vieler wertvoller und alter Zeichnungen und Drucke ein Erlebnis. Kunst wirkt im Depot wie etwas ganz Normales. Sie von Angesicht zu Angesicht vor sich zu sehen heißt, Tuchfühlung mit künstlerisch und historisch wichtigen und hervorragenden Beispielen zu haben. Frau Karbacher zeigte mir ein Original von Michelangelo und eines von Raphael. Eine Aura von Besonderem geht von solchen Blättern aus. Ich sah und roch auch den Atem anderer Zeiten, hätte mich vertiefen können in die dargestellten Details. Allein die Zeit war zu knapp. Eine private Führung zu bekommen, erschien mir als Privileg, das ich sehr genossen habe.

Als sie mich nach mehr als anderthalb Stunden verabschiedete, verwies sie auf den Ausstellungsraum. Dort werden zur Zeit Zeichnungen von Gerhard Altenbourg gezeigt, Beispiele eines vor nicht zu langer Zeit verstorbenen Schaffenden. Zu Beginn meines Besuches zeigte sie mir ein kleines Frauenporträt von Botticelli. Mir gefällt es sehr, ihr – das versteht sich von selbst – noch  mehr, weil sie weiß, aus welchem Geist heraus Botticellis Bilder entstanden.

 

Zum Abschied fragte ich spaßeshalber, von welchem der beiden Künstler Altenbourg und Botticelli sie ein Werk nehmen würde, wenn sie sich eins aussuchen dürfte. Ihre Antwort: Botticelli. Ich muss gestehen, dass mir bei aller Wertschätzung für Altenbourg die Entscheidung für den italienischen Maler auch leicht gefallen wäre. Dessen Werk ist konkreter, erzählt mehr, zeigt mehr und  ist nicht so kopflastig wie viele Werke des letzten Jahrhunderts.

 

Und noch etwas:

Blick zurück auf eine vergangene Ausstellung

 

 

B.F.P.

"Wann sind Ausstellungen aus der Sicht eines Museums erfolgreich?"

D.K.

"Kommt d'rauf an, wen man fragt. Geht es um die Buchhaltung, ist die Ausstellung erfolgreich, deren Einnahmen höher sind als die Ausgaben. Zählt man die Besucher, dann sind sehr viele Besucher immer ein Zeichen von Erfolg. Fragt man die Macher einer Ausstellung, also mich und meine Kollegen, dann ist eine Ausstellung erfolgreich, wenn sie allen gefällt."

B.F.P.

"Und wie war es mit der Ausstellung "Arkadien"?

D.K.

"Die war in jeder Hinsicht erfolgreich. Wir hatten um die 10 000 Besucher. Das ist für das Kupferstichkabinett sehr gut."

Ausschnitt aus dem Kupferstich OMNIA VINCIT AMOR (Die Liebe überwindet alles) von Agostino Carracci. Abgebildet im Katalog der Ausstellung ARKADIEN - Paradies auf Papier

Große Erwartungen / Great Expectations

 

Vom 24. September 2015 bis zum 24. Januar 2016 zeigt die Gemäldegalerie in Zusammenarbeit mit dem Viktoria und Albert Museum in London in der Wandelhalle der Galerie eine große Ausstellung mit Werken von Botticelli. Ab Mitte Oktober kann man im Kupferstichkabinett Zeichnungen des gleichen Künstlers sehen.

Im Besitz des Hauses sind nach Auskunft von Frau Korbacher 85 Blätter. Die Vorfreude ist groß!

 
 
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