Berliner Frauenporträts
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Galerie Luisa de Mora

Über Luisa de Mora

(Mater Dolorosa)

 

Der Sommerwind streicht über Andalusien, eine heiße Sonne brennt sich in die Landschaft, als in Sevilla Luisa de Mora einen Sohn bekommt. Die Nachricht geht schnell durch den Ort. Der Vater, Alonso, organisierte ein Fest. Alle sollen kommen, alle, mit denen sie befreundet sind, alle sollen mit ihnen feiern, trinken und essen, tanzen und sich freuen. Alonso hatte einen Sohn geschenkt bekommen. Seine Frau Luisa hatte ihn ihm geschenkt, jenen Sohn, auf den er so lange gewartet hatte.

 

Durch die Straßen rund um ihr Haus klang die Musik. Jeder sollte hören, sollte erfahren vom Glück der Eltern Alonso und Luisa. Stolz saß die Mutter neben der Wiege ihres Kindes, während mehr als hundert Menschen in den Gassen sangen, Wein tranken und von den Köstlichkeiten der Region aßen. Das Fest dauerte mehr als einen Tag. Am Ende waren alle müde und gingen nach Hause.

 

Unter den Gästen war auch der Künstler Roldán. Er kannte die Mutter Luisa gut und liebte deren Sohn José, genauso wie der Vater Alonso seinen Sohn liebte. Als dieser fünf Jahre alt war, nahm er ihn mit auf kurze Wanderungen, zeigte ihm seine wunderbare andalusische Heimat. Der Sohn liebte die Gitarrenmusik des Vaters. Immer wenn sie unterwegs waren, gab der Vater José neue Lieder zu hören, sang dazu, lachte. José freute sich und juchzte.

 

Manchmal war auch der Bildhauer Roldán bei den Wanderungen dabei. Er machte sich häufig Skizzen von Landschaften und Menschen, wenn sie pausierten und sich unter schattigen Bäumen erholten vom Gehen in der Hitze des Sommertages.

 

Als der Sohn 8 Jahre alt war, sollte er das Reiten lernen. Er stellte sich geschickt an und war bereits ein Jahr später so sicher im Sattel, als sei er dort geboren worden. Dann kam der Tag, als er an einem Wettbewerb teilnehmen sollte. Sie ritten lange, die Jungen der Gegend, bis am Ende der Sieger feststand. Es war Josés bester Freund. Jahr für Jahr gab es diese Wettkämpfe. Für José. Bis zu dem Tag, an dem das große Unglück geschah: Alonsos Sohn fiel vom Pferd und starb. Die Mutter war außer sich, der Vater schwieg fortan. Tränen flossen tagelang, wochenlang. Ihr Freund Roldán besuchte sie häufig, saß bei ihnen und schwieg auch. Was sollte er sagen? Eines Tages brachte er ein Kunstwerk mit. Er wickelte es aus und stellte es auf den einzigen Schrank im Wohnraum. Luisa war erstaunt. Vor ihr sah sie ein Abbild von sich. Sie erkannte ihr schönes Gesicht und sah die Tränen. Wie kleine Wasserberge standen sie auf den Wangen ihres Ebenbildes.

 

Jahrelang stand die Büste im Wohnraum der Familie, erinnerte an die Tage der Trauer. Bis zu ihrem Tode. Dann gelangte sie in die Hände von Verwandten.

 

Irgendwann reiste ein Hamburger Händler durch Andalusien. Er suchte Kunstwerke und stand eines Tages vor der Büste Luisas. Lange dauerte es nicht, und der Besitzer verkaufte ihm dieses trauernde Gesicht. Das fand seinen Weg über Hamburg nach Berlin und landete im Jahre 1880 im Bode-Museum. Dort steht die Büste noch heute und lockt die Besucher an. So manchem entlockt dieses traurige Gesicht von Luisa einen Seufzer. Auch des Nachts scheint einmal im Jahr in den dunklen Hallen des Museums ein leises Weinen zu ertönen. So recht glaubt das niemand. Warum sollte Luisas Seele nicht von Zeit zu Zeit für Minuten in ihre Büste zurückkehren und an die furchtbare Trauer erinnern, die Roldán dazu bewegte, der Familie sein Kunstwerk zu schenken?

Bode-Museum:

https://www.berlin.de/museum/3109293-2926344-bodemuseum.html

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